Offener Brief
von Peter-Paul Zahl
an Herrn Joschka Fischer/ Bundesaußenminister
Oktober 2002
Lieber Joschka,
»der Pass«, schrieb einst Bertolt Brecht,
»ist der edelste Teil des Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch.«
Und dieser edelste Teil, der Pass samt deutscher Staatsangehörigkeit, wurde mir im September 2002 von der Rechtsanwältin Westkämper in der Deutschen Botschaft in Kingston weggenommen. Davon aber erfuhr ich nur, als ich dort zufällig am 16.9. reinschneite. Informiert davon, dass ich meinen »Pass widerrechtlich« mit mir führe, so diese wackere deutsche Beamtin, würden »die Flughäfen in Miami, Frankfurt und Düsseldorf« mir den »unrechtmäßig geführten Pass fortnehmen«. Ich aber, einen Fünf-Minuten-Anruf, der 4,8 Jamaikadollar kostet (10 Cent), entfernt, wurde von dieser Ausbürgerung per Federstrich nicht benachrichtigt!
So hätte es mir auf dem Wege zur Frankfurter Buchmesse am 8. Oktober auf dem Flughafen Lohausen/Düsseldorf passieren können, von einem Beamten des Bundes­grenzschutzes des deutschen Passes beraubt und als »Staatenloser« wie ein Tramp .in Travens Totenschiff (meinen jamaikanischen Pass hatte ich natürlich nicht dabei) stantepede ab­geschoben zu werden.

Und warum dies alles? Der Bescheid der deutschen Botschaft vom 19.9., mir am 23.09.02 übergeben (»Pass erhalten, Westkämper, RA«), wirft mir vor, »vor dem Erwerb der ausländischen Staatsangehörigkeit >keinen< Antrag auf Genehmigung der zuständigen Behörde (hier: Rathaus Ratingen. ppz) gestellt zu haben«. Seltsamerweise liegt das Formblatt zu »§ 25, Abs. I Staatsangehörigkeitsgesetz«, wonach ein »Deutscher seine Staatsangehörigkeit verliert«, wenn er besagten Antrag nicht gestellt hat, in Zimmer 109 (»Standesamt/Einbürgerungen«) des Ratinger Rathauses aus, wo erstaunlich freundliche und verständnisvolle Beamte ihres Amtes walten, nicht aber in der deutschen Botschaft in Kingston!

Meines Wissens nach ist es u.a. Aufgabe deutscher Botschaften und Konsulate, nicht nur die Interessen der deutschen Industrie- und Handelskammern, sowie der Exporte von Waren und Dienstleistungen »Made in Germany« zu vertreten, sondern auch deutschen Landsleuten mit Rat und Tat behilflich zu sein.

Statt also besagtes Formblatt im Warteraum der Botschaft auszulegen oder Deutschen, die in Jamaika, sei es ganz oder temporär leben, Tipps zu geben wie etwa:
 

Herr Zahl, es dürfte Ihr Leben hier sehr erleichtern, wenn Sie neben der deutschen auch die jamaikanische Staatsbürgerschaft besitzen. So rate ich Ihnen, den Antrag »zur Beibehaltung der deutschen Staatsangehörigkeit«  im Rathaus Ihrer Heimatbehörde zu stellen. So ersparen Sie sich den alljährlichen Gang zum Arbeitsministerium, um eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten, den zum Innenministerium und zur Einwanderungsbehörde und evtl den Flug nach Miami, Havanna oder Port-Aux-Prince mit eintägigem Aufenthalt dort, um ein neues Visum zu kriegen. Darüber hinaus könnten Sie mit doppelter Staatsan­gehörigkeit zum Verständnis und zur Zusammenarbeit bei der Völker bei weitem besser beitragen, zumal wir wissen, dass Sie Bücher zu beiden Themenkreisen schreiben und bei deutschen und jüngst auch jamaikanischen Verlagen veröffentlichen. Ihre frechen Leserbriefe zu neuralgischen Punkten in den Tageszeitung hier verfolgen wir mit großem Vergnügen, da es uns als Diplomaten verwehrt ist, sich so engagiert ins hiesige Tagesgeschehen einzumischen -


entzieht Ihre Beamtin mit bissigster Schadenfreude sogar »rückwirkend bis 1995« meine deutsche Staatsangehörigkeit und den Reisepass. Auf meinen fassungslosen Hinweis darauf, »dass dergleichen bisher nur unter Adolf Hitler geschah, von B. Brecht bis Arnold Zweig«, erfolgte nur ein böse gezischtes »Das ist 'was völlig anderes!« Allerdings. Oder?

Nun reiche ich Klage beim Verwaltungsgericht Berlin und einen »Antrag auf Wiedereinbürgerung« beim »Bundesverwaltungsamt« in Köln ein.

Ich bin seit 1986 in Ratingen als Wohnsitz gemeldet, voll und uneingeschränkt einkommenssteuerpflichtig (FA Düsseldorf-Mettmann), voll sozialversicherungspflichtig (KSK, LVA Oldenburg-Bremen), habe drei Kinder mit deutschen Pässen und bin stolz darauf, mit beiden Füßen in zwei Kulturen zu stehen und über beide zu schreiben (zwei Wohnsitze, auch geistig!) ...

Drum sag, Joschka, ist es nicht ein wunderbares Privileg, über zwei Länder, zwei verschiedene Kulturen schreiben zu können? Ist es da nicht geradezu eine Pflicht, zwei Pässe zu haben? Wäre es da nicht angebracht,  Du machtest mich zum Kulturattaché der deutschen Botschaft in Kingston?
 

Mit besten Grüßen für Freiheit und Glück

ppz


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