Peter-Paul Zahl
an das
Verwaltungsgericht Berlin
16. Oktober 2002

 
Betr.: Bescheid der Deutschen Botschaft in Kingston vom 19.09. 2002, mir übergeben am 23.09.02 - Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit und Abnahme meines Reisepasses Nr. xx

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

gegen obigen Bescheid lege ich hiermit frist- und formgemäß Klage ein.

Begründung:

1. Ich wurde am 14.03.44 in Freiburg/ Breisgau als Sohn des juristischen Assessors Paul Zahn und seiner Frau Margarete Hildegard geboren, beide deutsche Staatsbürger. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, bin in Ratingen an obiger Adresse gemeldet, bin beim Finanzamt Düsseldorf-Mettmann unbeschränkt einkommenssteuerpflichtig (Bescheid kann nachgereicht werden) und als Schriftsteller bei der Künstlersozialkasse gesetzlich sozialversichert, heiratete 1965 Urte Zahl-Wienen, wurde 1973 geschieden, heiratete Herlett Kennedy-Zahl 1986 und habe drei deutsche Kinder: Raoul, geb. 1969, Nadeschda, geb. 1971 und Djameela, geb. 1986.

2. Am 3.9.1999 erhielt ich von der deutschen Botschaft in Kingston meinen oben genannten Pass und habe oben genannte zwei Wohnsitze, zwischen denen ich berufsbedingt pendele.

3. 1986 erwarb ich ein Grundstück mit Häuschen in Long Bay Portland, Jamaika, wo ich z.T. mit meinen beiden in Jamaika geborenen Kindern wohne.

4. Ich bin deutscher Schriftsteller seit 1968, verfasste etwa 30 Bücher, schrieb Thea­terstücke, die auf deutschen Bühnen aufgeführt wurden, und bin im Verband Deutscher Schriftsteller und bei Verdi... Einige meiner Werke wurden übersetzt und erschienen in den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Japan, Griechenland. Im März 2002 erschien mein Roman Der Domraub im Deutschen Taschenbuchverlag, der den Einbruchsdiebstahl im Kölner Dom im Nov. 1975 zum Thema hat, und das Sachbuch Jamaika, das im C.H. Beck Verlag, München, erschien.

5. Dies bezeugt, dass ich in zwei Kulturkreisen beheimatet bin und über beide mit heißem Herzen und kühlem Verstand Bücher verfasse.

6. Nachdem ich nahezu sieben Jahre z.T. auf Jamaika wohnte, kam ich .im Okt./Nov. 1994 von der Frankfurter Buchmesse zurück. Der Beamte der Ausländerbehörde im Flughafen Kingston sah die vielen Ein- und Ausreisestempel in meinem deutschen Pass, erfuhr, dass ich zwei große Kinder in Deutschland und zwei kleine in Jamaika habe, freute sich dar­über, dass ich die Landessprache Patois (die neben dem Englischen gesprochen wird) beherrsche und sagte halb feixend, halb im Ernst: »Diesmal kriegst Du kein Jahresvisum für Jamaika von mir, sondern ein Visum für drei (3) Tage. Bringe deine Papiere in Ordnung!« «Ich: »Wie das?« Er: »Lass dich umgehend einbürgern.« (Viele Jamaikaner haben aufgrund der Arbeitsmigration bis zu drei, vier Pässe.) Vor diese Alternative gestellt, folgte ich heiter seinem Rat: Ich ging zum Innenministerium, beantragte einen jamaikanischen Pass, musste zwei Bürgen beibringen (einen Pfarrer, einen Friedensrichter), die Kripo überzeugte sich durch ausgiebige Recherchen davon, dass ich weder im Waffen noch im Rauschgifthandel bin und in den letzten funf Jahren nicht straffällig geworden war, und so erhielt ich am 15. Juni 1995 wie die Jungfrau ein Kind einen zweiten, den jamaikanischen Pass mit der Nr. xx

 
7. Durch meine zahllosen Reisen im Laufe meines Lebens wusste ich, dass viele Auslands­deutsche zwei Pässe haben. Nicht wissen konnte ich 1994/95, dass »für den Erwerb der auslän­dischen Staatsangehörigkeit ...die schriftliche Genehmigung der zuständigen Behörde (in meinem Falle des Rathauses in Ratingen) notwendig« ist. Nun erst musste ich feststellen, dass Merkzettel darüber nicht in der deutschen Botschaft in Kingston, wohl aber im »Bürgerbüro« des Rathauses in Ratingen, im Büro für »Einwanderung« dortselbst, ausliegen ...! So waren die Beamten im Standesamt Ratingen, Zi. 109, sehr verständnisvoll, als ich ihnen vom Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit und des Reisepasses erzählte (Okt. 2002), und bemühten sich, für mich herauszufinden, welche Behörde zuständig dafür ist, mich »wiedereinzubürgern«. Parallel zu dieser Klage stelle ich daher meinen Antrag auf Wiedereinbürgerung beim Verwaltungsamt in Köln.
8. Natürlich ist mir nun klar geworden, dass »Unkenntnis nicht vor Strafe schützt«, aber den möchte ich sehen, der nicht freudig zugreift, wenn er einen zweiten Pass erhält und sich so den Gang zu Ämtern, die Anträge auf Visa und gegebenenfalls einen Flug alle halbe Jahre nach Miami ersparen kann. Nun mag man sagen, dass jamaikanische Behörden einen »laxen Umgang« mit der Staatsbürgerschaft haben. Mir kam und kommt dieser aber sehr menschlich vor, und ich wünschte mir zu­weilen gerade auf Grund der höchst seltsamen Einbürgerungsdebatte, die noch im letzten Bundestagswahlkampf eine Rolle spielte dass die deutsche Gesellschaft, deutsche Behörden und Regierung dieselbe Selbstverständlichkeit und Großzügigkeit wie die ja­maikanischen aufbringen, Ausländer zu inte­grieren und willkommen zu heißen. Denn Schwierigkeiten könnten ja nur auftauchen, wenn es Loyalitätskonflikte gibt. Etwa im Falle eines Krieges für Bürger, die Pässe beider Konfliktparteien führen. Was im Falle Bundesrepublik Deutschland und Jamaika ja wohl ausgeschlossen ist, und zwar nicht nur, weil Jamaika Mitglied des britischen Commonwealth ist und Großbritannien Mitglied der EU.
In meinem Falle um so mehr, als mir von den Bürgern in Long Bay, Portland, und der alten Friedensrichterin der Job eines Friedensrichters angeboten wurde und der dortige Polizeipräsident meine Vita gut kennend mir gar riet, einen Waffenschein zu beantragen, mich als »zuverlässiger Bürger« im Falle eines bewaffneten Raubüberfalls durch Crack-Kokain-Abhängige meiner Haut wehren zu können. Die Jamaikaner betrachten mich nach diesen vielen Jahren auf der Insel als »einen von ihnen«, sehen völlig darüber hinweg, dass ich deutscher Bürger und Steuerbürger bin, als Vater und Dichter, als Gewinn für ihre Gesellschaft, freuen sich mit mir darüber, dass ich schon zwei renommierte Literaturpreise (einen davon für ein Buch mit jamaikanischer Thematik) erhalten habe und nennen mich lachend einen »Germaican«.
 
Da ist es um so schmerzhafter, erleben zu müssen, welch eine Freude und Schadenfreude es einer Beamtin der Deutschen Botschaft in Kingston bereitet, mir deutsche Staatsangehörigkeit und den deutschen Pass fortnehmen zu können, statt sich und mich zu fragen, wie wir diesen Fall friedlich und freundlich aus der Welt schaffen können. Zumal ich seit dem 14. bzw. 17. Lebensjahr meine Beiträge zur Sozialversicherung sowie meine Einkommens- und Mehrwertsteuer etc. in Deutschland abgeführt habe und, so in Frankreich, als Dichter deutscher Zunge in der Nachfolge von Heinrich Heine betrachtet werde, der seinen Beitrag zu deutscher und jamaikanischer Kultur leistet.

 

Mit freundlichen Grüßen

ppzahl


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