ERKLÄRUNG AN EIDES STATT

22.Oktober 2003
1967 oder 1968 fuhr ich von Berlin nach Ratingen, meine Eltern zu. besuchen. Wie üblich kam es am zweiten oder dritten Tag zum Krach mit meinem Vater, Paul Zahl, geb. am 18.April 1914, deutschnational gesinnt, Jurist mit Erstem Staatsexamen (Unis Rostock und Freiburg/Brsg.), ab 1946 Kinderbuchverleger in Feldberg/Mecklenburg, nach der Flucht aus der DDR zumeist arbeitslos, da schwerkriegsbeschädigt, und entsprechend frustriert, da von einem westdeutschen Professor per "Ferndiagnose" auf 50% schwerbeschädigt eingestuft, derweil er in Mecklenburg einen Schwerbeschädigtenausweis mit 80 % führte. Lange Jahre erhielt er von westdeutschen Behörden eine winzige Rente, ich glaube, etwa 57 DM plus 3 DM Kleiderzulage (weil der Stützapparat regelmäßig die Hosen am Knie aufrieb). Meinem Vater war ich „zu links“: Drei Jahre („ausgerechnet zu die Roten“, so meine Oma) Druckerlehre, Gewerkschaft, Verband der Kriegsdienstverweigerer. Um ihn ein wenig aufzubringen, gestand ich ihm, meine Fertigkeiten neben anderem dafür zu nutzen, Griechen im Berliner Exil gefälschte Pässe entweder zu besorgen oder selbst „umzufummeln", nach dem von der CIA angeleiteten Putsch der Obristen in Griechenland dort Widerstand leisten zu können. Darüber hinaus erzählte ich ihm, zu einer klandestinen Kleinstorganisation zu gehören mit dem schönen Namen "Up against the wall, Motherfuckers!". die darauf spezialisiert war, schwarzen GI's aus Berliner Kasernen die Flucht nach Schweden zu ermöglichen („No, no. we won’t go/ to Vietnam"). Ich entfernte aus gestohlenen Pässen afrikanischer Studenten in Berlin die Lichtbilder, fügte das des GI's ein und versah das Paßfoto mit den erforderlichen Stempeln oder Prägungen.

Zu meinem Riesenerstaunen aber war mein Vater mitnichten entrüstet, sondern „stolz auf Dich, Junge!"! Und war stolz auf sich, mich 1961 in die Offsetdruckerei gesteckt zu heben, denn „Handwerk hat einen goldenen Boden, und dem Offsetdruck gehört die Zukunft“. Und erzählte, dass er 1943 etwas Ähnliches gemacht habe. Im Mai 1943 heirateten meine Eltern. Soweit ich mich an meines Vaters Ausführungen erinnere, ging es da um den „Ariernachweis“ und Blutproben. Ersteren abzugeben hätte er als beschämend empfunden, dann aber habe er ein Interesse daran entwickelt, einen kompletten Stammbaum herauszubekommen (selbst nach seinem Tode, 1980, fanden wir Bemühungen etwas mehr über „Seitenzweige“ herauszubekommen). „Und den“, gestand er leuchtenden Auges, „hab ich auch gefälscht. Auf Seiten deiner Mutter und auf meiner. Denn deine Oma, meine Mutter, ist Halbjüdin, deine andere, die Gustav Härting geheiratet hat, auch. Und deren Mutter war ‚reinrassige Jüdin’!“ Aus einem Ort in Westpreußen, in dem je ein Teil deutscher Abstammung war, ein Teil polnischer, ein Teil jüdischer. Nun erhalten ja die Frauen immer die Namen ihrer Männer. Der deiner Uroma war Sontowski. Und der Familie habe ich dann halt eine einwandfreie ‚arische’ Vergangenheit gegeben: einen Deutschordensritter namens von der Sonn, der aus der Gegend von Soest aufbrach, dem polnischen König ‚wider die heidnischen Pruzzen’ zu helfen. So einen hat es nämlich gegeben...“ usw. usf.

Wie war meinem Vater, seinem Geständnis nach, dies gelungen? Durch Kontakte zu Druckern. Er war von seinem Vater gezwungen worden, Jura zu studieren. Sein Traumberuf seit dem 18. Lebensjahr aber war der des Verlegers: Er hatte den legendären Verleger Ernst Rowohlt in seinem Elternhaus kennen gelernt, der seinen Erfolgsautoren Fallada in Feldberg regelmäßig aufsuchte. (1945 machte die russische Besatzungsarmee den schwer alkohol- und morphinkranken Autoren zum Bürgermeister der Stadt.) Und der „alte Rowohlt“ war das, was man ein „Urviech“ nennt: Sein Motto war: „Heimat ist da, wo man mit den Knechten säuft und den Mägden vögelt!“. Das, dachte mein leicht verklemmter Vater, ist der richtige Beruf für dich. So pflog er seither regen Umgang mit Druckern, Setzern und Zimmerleuten. 1945/46 erhielt er von seinem Onkel einen Kredit, seinen Traum wahr werden zu lassen: in diesem kleinen Ort in der Seenplatte Mecklenburgs einen Verlag gründen. Der Onkel, ich habe ihn noch erlebt, war nach vielen Wanderjahren als Bäcker, Konditor und Koch ein reicher Mann durch Export von Baumkuchen und Seekrebsen geworden. Durch sein „Vergehen“ oder „Verbrechen“, den Stammbaum zu fälschen, bewahrte mein Vater sich, meiner Mutter, meinen Großmüttern das den Juden von den Nazis zugedachte Schicksal.

So wird es wohl mein jüdisches Aussehen, gekoppelt mit meiner gesellschaftskritischen Literatur gewesen sein, was Regierungsamtsfrau Westkämper - der es nach x Jahren noch nicht gelungen ist, eine Notariatsprüfung abzulegen, was ihren Arbeitsplatz in einer Botschaft erst nützlich machte – dazu bewog, mir Staatsangehörigkeit und Paß abzunehmen. Ohne Anhörung! Ohne Rechtsgrundlage außer einem nebulösen RuStag, mit welchem ein wichtiger Grundgesetzartikel ausgehebelt wird.

Nun traf ich kürzlich am Strand von Long Bay auf einen Franzosen, der an mir wegen meiner Gedichte interessiert war. Er, mit „dem edlen Profil eines Griechen in der Antike“, fragte mich, ob ich jüdisch sei. Ich sähe „voll jüdisch aus“. Ich erzählte ihm obige Geschichte. Die Rassengesetze in jedweder Nation sind von Übel. In Jamaika waren Jahrhunderte lang Afrikaner die Opfer. Wie in Südafrika. Wie in den USA. Was war oder bin ich mit einer „100% Jüdin“ als Urgroßmutter, zwei „Halbjüdinnen“ als Großmüttern? Wie „verdünnt“ sich da das ‚Jüdische’? In meinem Schriftsatz an das Verwaltungsgericht Berlin vom 2. Juni d.J. machte ich auf Seite 3 noch einen Witz daraus. Der Franzose, ein Raggaeproduzent, der einige meiner Gedichte auf Englisch oder Patois einen „riddim“ geben möchte, also sie vertonen und auf CD bannen, der so „edel griechisch“ aussieht, sagte, er sei Jude. Ich sei es auch. Durch meine „100%ig jüdische Urgroßmutter“...

Und er sagte auch, von meiner Ausbürgerung hörend, dies sei ein Skandal größten Ausmaßes: „Einem deutschen Juden darf der Paß nicht abgenommen werden.“ Nur deutschen?
 

ppzahl

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